Mehr Zwang: Bürgerversicherung und Arbeitsfetischismus

Falls es zu einem rot rot grünen Machtwechsel in Berlin kommt, wird die gesetzliche Kranken-Zwangsversicherung wahrscheinlich zu einer s.g. „Bürgerversicherung“ weiter ausgebaut. Dies wäre das Ende der gebliebenen kleinen Wahlfreiheit wenigstens für Menschen mit einem besseren Einkommen. Denn diese sollen gezwungen werden, die ausufernden Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung zu finanzieren, also: die Pharmaindustrie und die Korruption zu sponsern.

Widerstand regte sich von unerwarteter Seite, der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Denn die hat errechnet, dass dann ja bis zu 50.000 Arbeitsplätze bei den Privatversicherern wegfallen könnten. Aus hochqualifizierten Angestellten würden womöglich im Handumdrehen „Hartz4-Schmarotzer“ O-Ton CSU) oder „Sozial Schwache“ (O-Ton Linke). Wir kennen das ja, zuletzt etwa im großen Stil bei den Schleckerverkäuferinnen. Erst waren sie anständige Kollegen, die wie alle anständigen Menschen die Nase rümpften über erwerbslose Penner, dann saßen sie plötzlich, ganz sozial schwach und schmarotzerhaft in meiner Küche und klagten über die miese Behandlung im Jobcenter und im privaten Umfeld.

Wie dem auch sei: der Hans-Böckler-Studie widerspricht nun der SPD-Zwangsversicherungsexperte Lauterbach. In der Ärztezeitung stellt er eine typisch sozialistische Milchmädchenrechnung auf: Es würden ja überhaupt keine Arbeitsplätze wegfallen, behauptet der tolle Experte. Denn durch die Bürgerversicherung würden ja unzählige neue Jobs in der Pflege entstehen. Was für eine verrückte Idee, mal eben auf Bürokräften Pflegekräften zu machen oder?

Genau so verrückt, wie die immer noch beliebte (und erfolglose) Masche der Arbeitslosigkeitsämter, Menschen, die gewohnt waren, mit ihren Händen zu arbeiten, mal schnell zu Bürokaufleuten umzuschulen. OK. Es mag angenehmer sein, ein arbeitsloser Bürokaufmann, als ein arbeitsloser Maurer zu sein. Aber eine wirkliche Lösung ist das wohl nicht. Die sehe ich — alternativlos mittlerweile — in der Einführung eines (regressiven) Bedingungslosen Grundeinkommens. Dann hat der Maurer mit dem kaputten Rücken mal sein Mindestauskommen gesichert. „Nebenbei“ (Handwerkersprache für Schwarzarbeit) könnte er dann ein paar Euros hinzuverdienen, in dem er kleinere Aufträge annimmt. Denn auch wenn der Amtsarzt urteilt: berufsunfähig! — heisst das ja nicht, dass der ehemalige fleißige Maurer nun gar nichts mehr tun kann und will. Kleinere Jobs mit freier Zeiteinteilung und gemütlich angegangen verschafft dem alten Maurer sicher ein schöneres Leben, als vor irgendwelchen PC-Monitoren in einer Maßnahme der Armutsindustrie zu sitzen und sich von besser wissenden jungen Sozialarbeitern voll labern zu lassen. Und aus so einem „Nebenbei“-Job wird schneller eine ordentliche Selbständigkeit, als die Kritiker der bösen Schwarzarbeit sich vorstellen können. Ganz ohne Staatsknete und Sozialarbeitern.