Kein Verständnis für Jobcenter-Mitarbeiter? Ein Missverständnis

In den letzten Tagen haben mich gleich drei Jobcentermitarbeiter auf meinen letzten Artikel hin angesprochen und kritisiert.

Daran hat mich zunächst verwundert, dass ja offensichtlich der Joycenter.net-Blog dann von mehr Mitarbeitern in Jobcentern gelesen wird, als ich gedacht hätte. Das finde ich übrigens erfreulich.

Inhaltlich möchte ich nun aber doch noch mal etwas klar stellen: Meine Kritik an Hartz 4 richtet sich eben gegen das SGB 2. Sie richtet sich ausdrücklich nicht allgemein gegen die Mitarbeiter in Jobcentern. Sie richtet sich nicht mal in erster Linie gegen die Jobcenter als Institution, sondern wenn, dann gegen die Vorgaben für diese Institution. Und meine Erfahrung seit Jahren ist: das Jobcenter tritt oft noch humaner auf, als viele Medien, als die heuchlerische Armutsindurstrie, gar als manche engen Angehörigen der Betroffenen.

Ich plädiere für Bedingungsloses Grundeinkommen. Selbstverständlich würde die Einführung von BGE die Auflösung der Jobcenter bedeuteten und auch der Arbeitsämter. Ich halte das Arbeitsvermittlungsangebot der Jobcenter für total ineffizient. Aber auch das liegt nicht primär an ungeeigneten Mitarbeitern.

Die Sanktionspraxis hängt wie ein Damoklesschwert über jeder noch so gut gemeinten Beratung.

Gestern merkte ich dies in einem Gespräch einer jungen Frau mit ihrem Arbeitsvermittler wieder mal sehr deutlich. Der Arbeitsvermittler versuchte, ohne jede Drohung, der Frau verschiedene Möglichkeiten aufzuzeigen, betonte dabei auch immer wieder, sie solle sich ganz in Ruhe überlegen, wo sie denn beruflich mal hinwolle, sie müsse nichts sofort entscheiden. Er hat sogar den Abschluss einer Eingliederungsvereinbarung ausgesetzt, weil darin ja dann irgendetwas konkretes stehen müsse. Was machte die Frau? Sie nahm jeden Vorschlag an, fand alles irgendwie interessant und toll und wollte sich auf jeden Fall darum kümmern. Es dauerte, bis mir endlich klar wurde, dass bei ihr trotz aller Bemühungen ständig die Angst vor einer möglichen Sanktion vorherrschte und alles andere überdeckte.

Entsprechend kritisch müssen auch alle geplanten Angebote gesehen werden, die in Zukunft mit dem Etikett „freiwillig“ versehen werden. Unter dem Schwert der Sanktion kommt diese geplante „Freiwilligkeit“ regelmäßig einfach nicht an. Da können sich dann die Fallmanager, die Arbeitsvermittler, ja selbst ich als nun wirklich freiwillig gewählter Interessenvertreter der Betroffenen, noch so sehr Mühe geben.

Deshalb bin ich für die Schließung sämtlicher Jobcenter und Arbeitsagenturen, so schnell wie möglich. Sie kosten viel Geld und bringen unterm Strich mehr Schaden als Nutzen — für Alle!

Mehr Mitarbeiter, um diese vom großen Druck etwas zu entlasten, bedeutet logisch mehr Jobcenterbürokratie und nicht weniger. Als Übergangsregime wäre wünschenswert, dass die Mitarbeiter in den Jobcentern durch ihre Vorgesetzten von so viel Verwaltungsaufwand entlastet werden, wie irgend möglich und dass auch intern alles getan wird, um ein freundliches kollegiales Arbeitsklima zu schaffen, zum Beispiel durch feste, statt prekärer Beschäftigung. Ich bin überzeugt, dass „mehr Personal“ die schlechteste aller möglichen Lösungen der gegenwärtigen Belastungssituation darstellen würde. Diese Einschätzung meint aber weder, dass alle Jobcentermitarbeiter unmotivierte schlechte Arbeit machen, noch verkennt sie die tatsächlich hohe Belastung dieser Menschen. Ihre Belastung ist mir auch nicht egal, wie mir einer beleidigt unterstellte. Ich halte nur einfach „mehr Personal“ für den falschen Weg, dieser unbestrittenen Belastung zu begegnen.

3 Gedanken zu “Kein Verständnis für Jobcenter-Mitarbeiter? Ein Missverständnis

  1. Ich möchte @Timothyus Grassi’s Beitrag beipflichten.Die Menschen, die dort anheuern, wissen (hoffentlich!?) ganz genau, was sie dort machen und was für ein System sie mit Ihrer Arbeitskraft unterstützen und künstlich am Leben erhalten. Die Wallraff-Doku hat ja die uns hinlänglich bekannten Dinge ans Licht gebracht. Wobei Wallraff nur mal kurz den Deckel der Jauchegrube angehoben hat. Die Geschichte ist ja noch viel absurder. Ich würde mir als Betroffener wünschen, dass die Mitarbeiter innerhalb der JC ihren Frust (Arbeitsbedingungen) über die Angst eines Arbeitsplatzverlustes stellen und sich ebenfalls dagegen wehren. Das System lebt nämlich nur von der Angst. Auf der einen Seite Angst der Betroffnen, die sie zu nahezu alles zwingt. Andererseits die Angst der Mitarbeiter vor dem selben Schicksal, die nahezu alles bereit sind mitzumachen. Dieses System erzeugt nur lose/lose-Situationen. Deshalb sollte man nicht schweigen, denn wer schweigt, macht man sich mitschuldig.

  2. Ich habe keinerlei Verständnis für Jobcentermitarbeiter:

    Die sind allesamt alt genug, um bereits bei Einstellung zu erkennen, dass es bei den als „Arbeitsvermittlung“ bezeichneten Tätigkeiten nur um reinen Betrug handeln kann.

    Ein Mensch, der nicht über langjährige Arbeitserfahrung in einer Branche verfügt, kann niemals auf einer menschenwürdigen Basis Lohnarbeit vermitteln. Das, was in den Jobcentern geschieht, ist blanke Zuhälterei. Selbst die alten Berufsberater beim AA waren noch tausendmal besser, die kannten wenigstens die Grenzen ihrer Kompetenzen.

    Wieviele langjährig berufserfahrene Menschen leiden darunter, dass sie aufgrund physischer Beeinträchtigungen nicht mehr ihre Erfahrung ausleben können? Wieviel einfacher, kostengünstiger und effizienter wäre es gewesen, statt einem mit Steuern hoch subventionierten Aktionismuswahn der Agenda33ff zu folgen, genau solche Menschen als tatsächliche Arbeitsvermittler mittels ergänzender Schulungen ins Boot zu holen?

    Klar, der Fisch stinkt vom Kopf her, denn dort bestand nie ein Interesse an menschenwürdiger Arbeitsvermittlung, aber das entschuldigt nach unten hin gar nichts.

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