Innovativ ist nicht gleich ärmlich

Am Samstag hatten wir unseren ersten #offgrid_day: 24 Stunden ohne #Netzstrom.

Das lief phantastisch mit nur einem kleinen Problem am frühen Morgen: am Freitag hatte meine Freundin noch eine 60 Grad-Wäsche laufen lassen. Nun wollte sie die Wäsche aus der Maschine holen, aber ohne Strom öffnete die Türe nicht. Da wir uns aber versprochen hatten, keine Ausnahmen zu machen, machte sie nicht einfach kurz die Sicherung wieder rein, sondern wartete, bis ich ihr den Trick zeigte: es gibt für solche Fälle bei MIELE-Maschinen extra einen Seilzug in der Serviceklappe.

Danach lief alles super. Trotz eingeschalteter Kompressor-Kühlbox lud das #Solarpanel die Batterie genügend auf, dass wir abends gemütlich Fernsehen gucken konnten. Nur um noch einen Artikel zu schreiben, reichte der Saft in meinem Laptop nicht, da ich bei meinem ersten Kaffee zu lange mit dem Lesen und Beantworten von Mails verbracht hatte. Meine nächste Anschaffung wird ein 12-Volt-Adapter für den Laptop sein.

In einer der Mails wurde ich — durchaus freundlich — dafür kritisiert, dass ich immer schreibe, man käme doch mit #Hartz-4 ganz gut über die Runden. Er fänd das ja okay, wenn ich vom #Hartz4-Regelsatz noch sparen könne, aber er selbst wolle nicht so ärmlich leben.

Ärmlich? Ich?

Das sehe ich aber ganz anders. Lebt etwa jmd. der (anders als ich) sich 24/7 ausschließlich #vegan ernährt, ärmlich? Würde ich meine Ernährung total auf vegan umstellen, dann könnte ich noch mal mehr Geld sparen. Denn nicht nur Fleisch, auch Käse z.B. ist ja nicht gerade billig. „Ärmlich“ würde ich mich dann ganz sicher nicht fühlen, eher noch innovativer, als jetzt schon. Ich kenne Leute mit 5-stelligen Einkommen (monatlich selbstverständlich), die sich ausschließlich vegan ernähren. Käme bei denen jmd. auf die Idee, das „ärmlich“ zu nennen? Wohl kaum. Und die meisten extremen #Minimalisten, die ich kenne oder von denen ich weiss, sind alles andere als arm. Und oft sind es Genussmenschen (wie ich übrigens auch).

So ist auch dieser Vorwurf (ohne ihn direkt an den Briefeschreiber festmachen zu wollen) ein diskriminierender / exkludierender. Wenn ich Netzstrom spare, dann nicht, weil mich Hartz 4 dazu zwingt und sicher nicht, weil der Anteil im Regelsatz zu gering wäre. Das ist genau so falsch, wie die Behauptung, deshalb würde immer mehr Menschen der Strom abgestellt, das hat nämlich ganz andere Gründe.

Tatsächlich gebe ich in beinahe allen Abteilungen der Regelsatzverordnung weniger aus, als es dem Statistikmodell entspricht.

Darf also ein Hartz4-Empfänger innovativ, umweltbewusst sparsam, leben? Darf ein Hartz4-Empfänger am Ende des Monats noch Geld übrig haben?

Aber ja! Ich kenne einen Hartzer, der seinen Lebensunterhalt beinahe vollständig über Blutspenden abdeckt und überhaupt nur deshalb Bargeld von der Bank abhebt, damit das nicht „so komisch aussieht“. Eine andere ernährt sich von Tafel®-Abfällen und spart auch sonst extrem. In beiden Fällen ist es Reiselust, die sie anspornt.

Wenn dann ein rauchender Hartzer vor mir steht und behauptet, ich würde Scheiße erzählen (habe ich auch schon erlebt), denn es wäre „unmöglich von den paar Kröten noch was zu sparen”, dann deute ich vorsichtig auf seinen Glimmstengel. Hasse oder verurteile ich Raucher? Auf keinen Fall! Nie käme aus meinem Mund so ein dummer Satz wie: „Hör doch einfach mit dem Rauchen auf”, denn es ist eben nicht so einfach, damit aufzuhören.

Aber es gibt eben sehr viele unterschiedliche Ansätze von Hartz 4 noch zu sparen. Auf diese hinzuweisen, darf nicht als armenfeindlich abgestempelt werden. Und diese umzusetzen, bedeutet nicht, ärmlich zu leben. Allererstes Ziel ist für mich, dass die Diskriminierung (auch das Reiseverbot) und der Hürdenlauf im Zusammenhang mit Grundsicherung aufhört, dass es so etwas wie bedingungslose oder doch -arme, niederschwellig erzielbare Grundsicherung für alle gibt. Eine Senkung würde ich für die Einführung von Bedingungslosem Grundeinkommen, ( #BGE ) inkauf nehmen.

Wie gesagt: mit allen Abteilungen des Regelsatzes komme ich aus, bzw. spare noch davon.
Es gibt eine große Ausnahme: der Anteil für Bildungsausgagen. Der ist im Regelsatz so gut wie nicht vorhanden. Komisch, hier höre ich selten Klagen von den einschlägigen Quellen…

Was aber, wenn nun die bösen Buben vom Staat mitlesen (das tun sie ja übrigens), wie der Leserbriefschreiber befürchtete und man dann auf die Idee kommt, den Regelsatz noch weiter zu senken?

Angst ist immer ein schlechter Ratgeber.

Letztlich ist der Gesetzgeber gut beraten, darauf zu achten, dass bei uns nicht das „Naturrecht” eintritt, der Zustand, in dem, nach dem Philosophen Hume, wir uns nicht mehr an irgendwelche Gesetze halten müssten. Genau das, nämlich die Schwelle, an der wir zum Widerstand aktiv würden, ist es auch eher, die die Höhe des Regelsatzes tatsächlich bestimmt. Und nicht mein Sparverhalten.