Wenn du keinen Job gefunden hast, dann höre auf, zu suchen

Okay. Die Überschrift ist provozierend. Aber ernsthaft: wenn du dich drei Wochen lang intensiv um einen Job bemüht hast und niemand dich eingestellt hat, dann wird es wahrscheinlich höchste Zeit, mit der Suche erst einmal aufzuhören. Denn wenn du einfach weiter machst, steigt dein Risiko, an einer schweren Depression zu erkranken.

Wenn der Job zu wichtig wird

Vor wenigen Tagen zitierten die Welt und Gegen-Hartz.de eine Studie des IAB. Nach dieser Studie, die übrigens nicht neu ist, sondern aus dem Jahr 2010 stammt, ist für 75% der Erwerbslosen ein Job das Wichtigste im Leben und sie seien zu hohen Konzessionen bereit, irgend einen Job anzunehmen, Hauptsache raus aus der Erwerbslosigkeit. Doch was die Macher der Studie, die Welt und auch gegen-hartz.de als gute Nachricht feiern, ist in Wahrheit ein Alarmsignal.

Denn wenn dir die Jobsuche zu wichtig wird, dann sinkt nicht nur deine Chance, tatsächlich einen zu finden. Gleichzeitig erhöht sich auch dein Risiko, an einer schweren Depression zu erkranken. Auslöser für die Erkrankung an Depression, die längst epidemische Ausmaße angenommen hat, ist, so hat Martin Seligman und nach ihm unzählige Wissenschaftler belegt, sehr häufig Pessimismus. Und dieser wiederum ist nicht einfach eine angeborene Charaktereigenschaft, sondern oft Folge erlernter Hilflosigkeit.

Dies lässt sich einfach demonstrieren. Teile etwa eine Schulklasse (oder wie ich mehrfach getan, eine Gruppe von Maßnahmeteilnehmern) heimlich in zwei zufällige Gruppen ein. Dann verteilst du an jedem Teilnehmer einen Testbogen mit drei Aufgaben. Die eine Hälfte erhält einen Testbogen mit drei relativ einfachen Aufgaben. Die andere Hälfte erhält einen Testbogen mit zwei unlösbaren Aufgaben, während die dritte Aufgabe identisch mit der dritten Aufgabe für die erste Gruppe ist. Fordere nun die Teilnehmer auf, die erste Aufgabe zu lösen. Sobald sie die Aufgabe gelöst haben, sollen sie sich hinstellen. Natürlich stehen alle Teilnehmer der ersten Gruppe schnell auf, die „Loser” der zweiten Gruppe bleiben sitzen. Du wiederholst dies mit der zweiten Aufgabe: selbstverständlich ergibt sich das gleiche Bild. Aber nun kommt es: Du forderst jetzt die Teilnehmer auf, die dritte Aufgabe zu lösen. Eigentlich müssten ja jetzt alle Teilnehmer diese Aufgabe gleich gut lösen. Aber in der Gruppe, die vorher zwei unlösbare Aufgaben erhalten hatten, finden sich regelmäßig Teilnehmer, die jetzt auch diese einfache Aufgabe nicht schaffen. Wie kommt das? Du hast bei ihnen innerhalb weniger Minuten Pessimismus („erlernte Hilflosigkeit”) produziert. Und das nach nur zwei nicht gelösten Aufgaben!

Wie geht es einem da wohl, wenn man sich x Mal erfolglos irgendwo beworben hat?
Man wird pessimistisch, man bewirbt sich nur noch, weil man ja muss, weil man sonst womöglich eine Sanktion vom Jobcenter bekommt. Man bewirbt sich halbherzig, ohne echtes Interesse. Manche etwa nehmen sich das Branchenbuch und senden einfach in alphabetischer Reihenfolge eine vorgefertigte Standard-Mappe an irgendwelche Unternehmen, bis sie ihr in der Eingliederungsvereinbarung festgelegtes Soll erfüllt haben. Natürlich landen solche „Initiativbewerbungen” bei den Unternehmen meistens dorthin, wo sie hingehören: in den Papierkorb. Beim Betroffenen verstärkt sich durch jede Absage (auch auf eine solche „Standard”-Bewerbung) der Pessimismus und die Gefahr, an Depression zu erkranken.

Pessimisten küsst man nicht

Deshalb wiederhole ich noch mal meinen Ratschlag aus der Überschrift: Wenn du nach mehreren erfolglosen Bewerbungen merkst, dass du immer pessimistischer wirst, dann ist es höchste Zeit, deine Bewerbungsbemühungen für einige Wochen oder auch länger aufs Eis zu legen. Mache stattdessen genau das, was für die BA und Co. das Verwerflichste ist, was ein Erwerbsloser tun kann: Lasse es dir gut gehen. Und, so paradox es klingt: bewerbe dich erst dann wieder, wenn einen Job zu finden, nicht mehr das Wichtigste in deinem Leben ist, weil es dir auch ohne Job gut geht.

„Pessimisten Küsst Man Nicht” so lautet der Titel eines Buches, das im amerikanischen Original „Learned Optimism“ heisst und in dem Martin Seligman beschreibt, wie man solchen erlernten Pessimismus überwinden kann. Das Buch ist vergriffen, aber ich werde dir hier, sobald ich dazu komme, die wichtigsten Übungen daraus vorstellen. Am besten, du abonnierst das Joycenter.net, damit du das nicht verpasst. Denn aus welchem Grund auch immer: unsere Seite wird bei Google immer noch nicht gelistet, du findest uns also nicht über die Googlesuche. Ein fester Stamm von mittlerweile mehr als 3000 Lesern beweist, dass es auch ein lebendiges Internet jenseits von Google gibt :-)