Kinder in H4-Haushalten: Bildung und Teilhabe ohne angesagte Klamotten?

Kennst Du HOLLISTER? Oder Gilly Hicks? Wenn du Kinder hast, vermutlich schon. Beides sind derzeit angesagte Marken unter Jugendlichen. Besonders Gilly Hicks finde ich selbst so richtig, um es deutlich zu sagen, zum Kotzen, nachdem ich einmal in einem dieser Läden war. „Welcome in Gilly Hicks” wird einem ständig entgegengetrillert von „Models”, wie die Verkäuferinnen und Verkäufer dort genannt werden und wie sie auch aussehen. Sie bedienen in Unterwäsche und sprechen mit dir Englisch. Ist das geil? Nein. Will man so etwas unterstützen? Nein. Solltest du deinen Kindern so einen Kram kaufen? Vielleicht ja.

Ich habe stundenlang sämtliche einschlägigen Minimalismus-Blogs aus Deutschland und den USA durchstöbert. Gerade in den USA gibt es viele Seiten, die ausdrücklich Minimalismus in Familien mit Kindern zum Thema haben. Ich suchte nach einer Patentlösung, wie man um diesen Markenwahn herumkommt ohne damit seinen Kindern das Leben schwer zu machen. Leider habe ich keine gefunden.

Den Zusammenhang von Bildung, Teilhabe und Konsumterror will ich an einem Beispiel zeigen:

Ich lebte in einer Kleinstadt mit 25000 Einwohnern. Unsere Nachbarn war eine katholische Mittelschichtfamilie mit zwei Söhnen. Die Mutter war Lehrerin, der Vater CEO eines ansässigen Unternehmens. Geld war nicht das Problem. Aber aus (christlicher und ökologischer) Überzeugung trugen die beiden Kinder nur billige Klamotten von C&A, Schuhe von Deichmann und besaßen auch sonst nichts, was damals angesagt war. Eines Tages sprachen mich die Eltern verzweifelt an. Sie müssten Michael1 wohl vom Gymnasium nehmen. Seine Noten würden immer schlechter, er würde sitzenbleiben und außerdem käme er auch in der Klasse nicht zurecht. Oder ob ich eine Idee hätte, wollten sie wissen. Sie dachten an eine Art Nachhilfe, glaubten, dass ich eher an Michael rankäme, als sie. Ich versprach ihnen, zu tun was ich kann, wenn sie mir versprechen würden, mich dabei auch vorbehaltlos zu unterstützen. Etwas ängstlich (sie kannten mich schließlich) willigten sie ein. Wenige Monate später war von einer Gefährdung von Michaels Versetzung keine Rede mehr, es hatte den Eltern eine Stange Geld gekostet. Heute ist Michael Arzt.

Was hatte ich getan? Nun, zunächst einmal hatte ich für ideale Arbeitsbedingungen gesorgt. Das ist für Sozialarbeit ja regelmäßig nicht gegeben. Paul Goodman, der zumindest für die 60er-Generation der Amis eine intellektuelle Berühmtheit war, nannte uns Sozialarbeiter deshalb einmal Idioten und verglich uns mit Ingenieuren. Er meinte, wenn man einen Ingenieur beauftragt, eine Brücke zu bauen, ihm aber nicht die dafür erforderlichen Mittel bewilligt, so dass die Brücke unweigerlich einstürzen müsse, dann würde dieser einen solchen Auftrag ablehnen. Wir Sozialarbeiter dagegen würden regelmäßig unzulängliche Arbeitsbedingungen akzeptieren und uns anschließend wundern, warum unsere Arbeit so gering geschätzt sei. Nun, in diesem Fall hatte ich also freie Hand.

Statt Nachhilfe zu organisieren, ergriff ich ganz andere Maßnahmen. So hatte Michael bei Klassenarbeiten nie gespickt. Er hatte noch nie Alkohol getrunken, hatte kein Skateboard, weil seine Eltern meinten, man müsse ja nicht alles mitmachen, er hätte ja Rollschuhe. Auch damals angesagte Gadgets (heute wäre das etwa ein iPhone) hatte er selbstverständlich nicht. Und eben nur Billigklamotten. Sein Spitzname war Uvex, weil er immer einen Mopedhelm dieser Marke trug, wenn er mit seinem (verkehrssicheren praktischen) Fahrrad zur Schule fuhr. Er hatte den Helm mal irgendwo gefunden. Als die anderen Kinder ihn deshalb hänselten und er seine Eltern um Rat fragte, meinten die, er solle da einfach nichts drauf geben. Einer von vielen schlechten Ratschlägen.

Höhepunkt meines Programms war eine angesagte Party (in unserem 300 qm-Haus), die meine Tochter organisierte. Es sprach sich in der Kleinstadt schnell herum, dass bei uns die Party des Jahres steigen würde, dass dort diese Band auftreten würde und dass dort alle coolen Jugendlichen hinkämen. Michael wäre zu so einer Party nie eingeladen worden, einmal, weil er eben nicht cool war, aber auch, weil meine Tochter zwei Jahre älter war und ein „Kindergarten”-Publikum da normalerweise äußerst unwillkommen war.

Weitere Maßnahmen waren unter anderem: lernen Spickzettel zu schreiben und geschickt zu nutzen, die Anschaffung eines Commodore Amiga Computers und jede Menge Spiele (Raubkopien), irgend so ein Elektronikteil, das man damals hatte (so ein Minicomputer zum Spielen), ein Skateboard und natürlich das Verbot, den Uvex-Helm weiter zu tragen.

Und vielleicht am wichtigsten war: Ich schickte ihn zusammen mit zwei Freundinnen meiner Tochter, sowie Michaels Vater (der versprechen musste, immer dann seine Geldbörse zu zücken, wenn die Mädchen es von ihm verlangen) in die nächstgelegene Großstadt und sie kauften dort eine komplett neue Garderobe: all diesen Markenscheiss, den seine Eltern (und ich) so verabscheuten.

Michael selbst arbeitete hart! an seinem neuen Image. Er vertraute mir und lernte und lernte: sich anders zu bewegen, anders zu sprechen und vieles mehr. Der Erfolg kam schnell. Kinder sind grausam, aber sie vergessen auch schnell. Zunächst hörte das Mobben auf. Das war schon mal was, nicht mehr mit flauem Magen jeden Morgen in die Schule zu müssen. Aber Freunde hatte Michael in seiner Klasse noch keine. Doch auch das änderte sich sehr schnell:

In Michaels Klasse ging unter anderem auch Bastian, der Sohn des Baubereichsleiters. Der kannte mich nicht nur, weil ich mit seinen Eltern befreundet war, sondern auch, weil ich als Grünen-Politiker im Rat eine Mehrheit für den Bau der ersten Halfpipe erzielt hatte (er war Skater) und weil er in meine Tochter verknallt war. Natürlich chancenlos, denn er gehörte mit seinen 14 Jahren aus Sicht meiner Tochter ja in die Kategorie „Kindergarten”. Bastian war, was das Image anging, so ziemlich das Gegenteil von Michael, er war überall bekannt und beliebt, jeder wollte gern mit ihm befreundet sein.

Natürlich hatte auch Bastian von der Party gehört, natürlich war er nicht eingeladen. Ihr denkt euch, wie es weiter geht? Richtig. Ich sorgte dafür, dass Bastian „beiläufig” erfuhr, dass Michael zu dieser Party gehen würde. Am nächsten Tag kam Michael nicht wie sonst allein von der Schule zurück. Er verschwand mit Bastian zusammen in seinem Zimmer, Computer spielen. Seine (zunehmend besorgte) Mutter, die ihm nachrief: „Und die Schularbeiten?…” musste sich mit einem knappen und frechen „Später!” zufrieden geben, denn längst hatte Michael die Türe seines Zimmers hinter sich zugeknallt. „Ich kenne meinen Sohn nicht wieder” sagte sie mir, als sie rübergelaufen kam, um mir diese Neuigkeit zu berichten. Anders als ihr Mann war sie mehr als skeptisch, dass meine Aktionen mehr bringen würden, als einen vielleicht nun immerhin etwas selbstbewussteren frechen Sohn. Aber da sie sich eh schon innerlich mit einem Wechsel Michaels auf die Real- oder Hauptschule abgefunden hatte, ließ sie mich (und ihren Sohn) kopfschüttelnd weiter gewähren. Der Rest ist schnell erzählt: Michael gehörte nicht nur bald und dann auch auf Dauer zu den beliebten Kids in seiner Klasse, auch seine Noten verbesserten schnell vom Schnitt „Mangelhaft” zum Schnitt „Befriedigend”. Sein Abitur später war eines der besten seines Jahrgangs. Das nicht etwa, weil er nun gelernt hatte, perfekt zu schummeln, sondern weil Michael hart dafür gearbeitet hatte. Er hatte jetzt Spaß am Lernen. Dieser Spaß kam aber nicht von alleine, sondern war Folge von etwas, für das der französische Soziologe Pierre Bourdieu den Begriff Symbolisches Kapital geprägt hat.

Willst du deinem Kind, deinen Kindern helfen, in der Schule erfolgreich zu sein, so reicht es (leider) nicht, das Bildungspaket des Jobcenters auszunutzen. Es gehört mehr dazu. Unter Umständen auch Markenklamotten. Das sehe nicht nur ich so, sondern zum Beispiel auch Katharina Böttges, die für das Nachhilfeportal.de schreibt: Markenklamotten erleichtern Ihrem Kind das Leben Und Simon Schröder schreibt im Familienmagazin litia.de, wie man das auch mit kleinem Geldbeutel realisieren kann.

  1. Name natürlich geändert []