Der Tod von Irene N. im Jobcenter Neuss war (auch) ein Unfall. Die Pressekonferenz der Ermittler und ein Kommentar

Für die beschränkte Sicht der Ermittler war es Mord, Fall so gut wie erledigt. Die Pressekonferenz, hier noch einmal in voller Länge, zeigt das. Falls du dir dieses Video anschauen willst, achte auch mal auf die Fragen der Presse. Denn Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der BA, wird ihr später „Relativierungsversuche” vorwerfen.

Diese beschränkte Sicht der Ermittler ist nicht falsch, sie erfolgt einfach zwingend aus den Spielregeln der klassischen Kriminologie. Es wird nach Schuld gesucht. Was gesucht wird, wird gefunden. Danach hat der Täter aus einem „nichtigen nicht nachvollziehbaren Grund”, nämlich weil er sich um die Verwendung seiner Daten sorgte (wie er sagt…), getötet. Zurechnungsfähig war er aus Sicht des Leiters der Mordkommission, weil er zwar etwas schlicht, aber zeitlich und räumlich orientiert sei. Für weitere Fragen sind dann Psychologen zuständig. Fertig.

Ich kann mich noch heute an ein Gespräch mit meinen Eltern an einem Sonntag erinnern. Da stand in der Bildzeitung, dass jemand eine Frau wegen 5 Mark überfallen hätte. Vergeblich hatte ich damals versucht, meinen Eltern, ich war noch Kind, zu erklären, dass der Täter doch vor dem Überfall gar nicht wusste, dass das Opfer nur 5 Mark bei sich hatte. Meine Eltern glaubten damals fälschlicherweise, ich wolle mit dieser „Relativierung” (das Wort kannten sie nicht) den Täter entschuldigen und warfen mir das vor. Vermutlich deshalb habe ich diese Situation noch in Erinnerung: ich fühlte mich so unverstanden. Als wäre ein Überfall weniger verwerflich, wenn es um mehr gegangen wäre, als 5 Mark.

Fast genau so dümmlich, wie die damalige Bild-Schlagzeile ist jetzt das vorläufige Ermittlungsergebnis. Dem Täter wird schlicht geglaubt, wenn er angibt, wegen der Datenschutzerklärung so wütend gewesen zu sein, aber ihm wird dann nicht geglaubt, wenn er sagt, dass er sein Opfer nicht töten wollte. Und schuldfähig ist er, weil er Tag und Ort korrekt benennen kann. Aber wie gesagt: solche Schlussfolgerungen ergeben sich einfach aus der vorgegebenen Ermittlungsroutine, die nach Wahrheit nur insofern sucht, indem sie eben Schuld findet.

Dass aber nun Heinrich Alt weitergehende Fragen von Journalisten und Bloggern als „Relativierung” ins Abseits stellen und quasi verbieten will, wirft ein sehr schlechtes Licht auf die oberste Leitung der Jobcenter und mag damit entschuldigt werden, dass er die folgende Presseerklärung womöglich wirklich selbst noch unter Schock stehend abgegeben hat:

»Wir alle stehen unter dem Eindruck der gestrigen Tragödie. Ich betone nochmals, dass nichts eine solche Tat rechtfertigen kann. Die in sozialen Netzwerken und Internetforen aufgeworfene Diskussion, ob der Täter zu Recht gehandelt haben könnte und seinerseits sozusagen Opfer ist, ist beschämend. Es gibt keine Frage, wer in diesem Fall Täter und wer Opfer ist. Auch einige Rückfragen bei der heutigen Pressekonferenz der Polizei und Staatsanwaltschaft in Neuss zeigen mir, dass nach einem entschuldbaren Motiv gesucht wird. Für alle unsere Kolleginnen und Kollegen, die täglich unter schwierigen Bedingungen ihre Arbeit machen, die häufig beleidigt und bedroht werden, sage ich: Jedem Versuch der Relativierung stellen wir uns mit aller Kraft entgegen.«

Dass der Täter nicht nur Opfer sein könnte, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch war, den in Jobcentern üblichen Demütigungen, Verdächtigungen, Verfolgungen usw. tatsächlich ausgesetzt, dass dies womöglich irgendeinen Einfluss auf sein Handeln hatte, darf also nicht mal gefragt werden?

Brennpunkt Jobcenter

Doch genau eine solche Relativierung ist jetzt dringend angezeigt. „Relativieren” bedeutet nämlich zunächst, ein Ereignis zu etwas anderem in Verbindung zu setzen. Eine erste solche Relativierung ist hier z.b., dass die Wut des Täters sich eigentlich gegen den Mitarbeiter eines Beschäftigungsträgers richtete, der nur zufällig nicht in seinem Büro war. Dieser Mitarbeiter hätte theoretisch auch ich sein können, denn ich habe selbst schon in Zwangsmaßnahmen gearbeitet und z.B. dort auch den Teilnehmern solche Datenschutzerklärungen zur Unterschrift vorgelegt. Ja, ich habe sogar auch schon einen Teilnehmer, der ein Messer bei sich führte, Hausverbot erteilt, weil andere sich durch ihn bedroht fühlten.

Diese eigene Betroffenheit erlaubt es mir wohl, weitere Relativierungen vorzunehmen und schützt mich vor dem Vorwurf, ich würde die Tat oder die Schuld des Täters herunterspielen wollen. Obgleich es sogar stimmt: die Schuld des Täters interessiert mich wirklich nicht besonders. Auch ob er nun wegen Mordes oder Todschlag verurteilt wird oder in der Forensik landet, wird wenig Einfluss auf die künftige Sicherheit der Jobcentermitarbeiter oder der Mitarbeiter in der Armutsindustrie haben.

Mich interessiert vielmehr, ob und wie in Zukunft die Wahrscheinlichkeit solcher Tragödien vermindert werden kann. Und zwar realpolitisch: Denn die sinnvollste Lösung wäre sicher, die Jobcenter einfach zu schließen und Hartz 4 durch eine sanktionsfreie Existenzsicherung abzulösen1. Aber da dies derzeit (noch) nicht durchsetzbar ist, lautet meine Frage, wie unter den gegenwärtigen Möglichkeiten und für mich speziell: wie in der Städteregion Aachen, der Brennpunkt Jobcenter entschärft werden kann.

Schweigeminute während eines Bewerbungsgespräches

Am Freitag um 9:00 Uhr hatte ich ein Vorstellungsgespräch – bei einem Beschäftigungsträger in Düren. Wir unterbrachen das Gespräch und nahmen an der bundesweiten Schweigeminute der Jobcenter teil. Die Leiterin meinte danach: Hoffentlich igeln sich die Jobcenter jetzt nicht noch mehr ein.

Genau das ist jetzt eine berechtigte Sorge. Das Ansehen von JC-Mitarbeitern ist in der Öffentlichkeit heute mindestens so schlecht, wie das der Hartz4-Empfänger. Als ich hier auf der Seite des Joycenter.net eine Telefonliste der JC-Mitarbeiter in der Städteregion Aachen veröffentlichte, bekam ich etliche Beschwerden: die Mitarbeiter wollten nicht, dass öffentlich bekannt wird, wo sie arbeiten!

In einem sehenswerten Film mit dem Titel „Die Vermittler” berichten Fallmanager, dass sie im Bekanntenkreis ihren Arbeitgeber verheimlichen, erzählen lieber, dass sie einen „langweiligen Verwaltungsjob” machten. Ich habe ihn noch mal gesucht und bin bei youtube fündig geworden.

Hier ist also diese Doku aus der ZDF-Reihe Das Kleine Fernsehspiel. Sie stellt die gezeigten JC-Mitarbeiter weder als verdammenswerte Verfolger, noch als durchgehend sympathische Menschen dar. (Sonst wäre sie auch nicht sehenswert). Das Video dauert eine Stunde:

Die Unfall-Perspektive

Anders als die von den Ermittlern und der Bundesagentur eingenommene Perspektive der Schuld, sucht die Unfallperspektive nicht nach Vergeltung oder Rache, sondern nach Lösungen. Das Auto ist gefährlich, aber nicht „böse”. Die Leiter, von der man fallen kann, muss nicht bestraft, sondern sicher aufgestellt werden.

Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, schon gar nicht, wenn man es mit lebenden Systemen zu tun hat. Mein Freund, der Autor und Verleger Fritz B. Simon hat einmal versucht, die systemische Perspektive mit folgendem Beispiel zu verdeutlichen:

Wenn du ein Geschoss auf eine Glasscheibe abfeuerst, kannst du genau berechnen, bei welcher Flugbahn und aufgewendeter Kraft diese Scheibe zerbricht. Wirfst du dagegen einen Stein auf einen Hund, ist es mit der genauen Berechnung vorbei. Es kann sein, dass der Hund dann wegläuft, es kann auch sein, dass er dich beisst. Mit anderen Worten: »Wahrscheinlicheitsaussagen treten an die Stelle derterministischer Vorhersagen«2

Das ist ja das große Problem etwa der Sozialarbeit3: es ist immer wieder leicht, uns nachzuweisen, dass wir uns in einer Angelegenheit „geirrt” haben. Während für den Techniker gilt „Was schief gehen kann, geht schief”, müssen wir eben immer wieder mit dem Risiko leben, dass etwas, was wir tun, schief gehen kann, hoffentlich aber nicht schief gehen wird. Während für den Techniker gilt „Safety first” hieße dies für uns, alle Menschen sicherheitshalber einzusperren.

Seit ich vor nun schon fast 40 Jahren von meinen damaligen Kollegen ausgewählt wurde, dass ausgerechnet ich, der mit 17 Jahren damals jüngste Justizvollzugsbeamte in NRW4 einem gewaltbereiten Strafgefangenen mitteilen sollte, dass er — eben wegen seiner Gewaltbereitschaft – aus der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen, einem Modellprojekt, wieder in den Regelvollzug verlegt würde, habe ich unzählige gefährliche Situationen erlebt und überlebt und darf mich daher heute wohl einen Fachmann in Sachen Deeskalation nennen.

Ein Rat, den ich jungen Kollegen immer wieder gebe, ist, bei Auseinandersetzungen auf keine Weise, auch nicht mental, zu versuchen, auf die institutionell verliehene Macht zu setzen. Sie ist nämlich bei einem wütenden Menschen nicht relevant.

Seit dem Tod von Irene N. frage ich mich immer wieder, ob der Täter mich auch mit dem Messer angegriffen hätte. Zunächst sagte ich mir: Selbstverständlich. Denn offenbar ging doch alles so schnell, der Täter ging scheinbar ohne Vorwarnung auf sein Opfer los. Welche Chance hätte ich da gehabt, ihn zu stoppen?

Doch inzwischen sage ich: wahrscheinlich hätte er mich nicht getötet. Denn, wie man der Pressekonferenz entnehmen kann, kochte der Täter vor Wut. Er hatte schlaflose Nächte hinter sich. Wut und schlaflose Nächte haben sich doch wohl im Verhalten des Täters gezeigt? Er ist ja auch nicht einfach ins Büro gestürmt und hat zugestochen. Er wartete lt. dem Ermittler sogar ein paar Minuten, bis er vorgelassen wurde.

Eine der wichtigsten Regeln aus der s.g. Psychodrama-Therapie lautet: Störungen haben Vorrang. Offensichtlich hat Irene N. versucht, diese Störung abzustellen, statt ihr den nötigen Vorrang einzuräumen. Und sie hat dazu quasi von ihrem „Hausrecht“ Gebrauch gemacht: sie hat versucht, den Täter vor die Tür zu setzen. Das war nicht nur ihr gutes Recht. Das war sicher auch, was von ihren Vorgesetzten erwartet wurde.

Irene N. tat also ihre Pflicht, während ich in ihrer Situation wahrscheinlich gegen die Regel (Gespräche nur nach Termin) verstoßen hätte und mir dafür anschließend Ärger mit meinen Vorgesetzten eingehandelt hätte. Der letzte Teil des Satzes ist wichtig: hier soll nämlich keinesfalls vesucht werden, dem Opfer die Schuld in die Schuhe zu schieben. Vielmehr gehört von Seiten der Institution, hier Jobcenter, mehr dazu, als nur „Deeskalations-Seminare” anzubieten, um Gewalt unwahrscheinlich zu machen.

Auch wenn ich hier die ganze Zeit von „Täter” und „Opfer” spreche: in jeder Kommunikation ist immer jeder auch „Täter”! Die Relativierung, die ich hier vornehme, macht eben auch Herrn Alt zum Täter! Vielleicht weiss er das auch und das ist der eigentliche Grund, warum er solche Relativierungen um jeden Preis verhindern will.

Während einer Pressekonferenz in Aachen, in der der Geschäftsführer des Jobcenters der Städteregion, Stefan Graaf, den geplanten Jobcenterneubau vorgestellt hat, machte ich Vorschläge, die den Brennpunkt Jobcenter entschärfen könnten:

  • Ein Aufenthaltscharakter des Platzes vor dem Jobcenter
  • Eine deeskalierende Architektur
  • Verdeckte Sicherheitsmaßnahmen statt provozierender „Kleiderschränke”
  • Eine Kinderspielecke im Eingangsbereich und schließlich
  • Eine sichtbare Präsenz von Beratungsstellen und Erwerbsloseninitiativen im Eingangsbereich

Gerade der letzte Punkt dürfte die Stimmung und damit die Sicherheit aller Beteiligten im Jobcenter erheblich verbessern. Wenn ein Betroffener sieht, dass Leute, die er als auf seiner Seite stehend wahrnimmt, für ihn sofort ansprechbar im Eingangsbereich präsent sind, dürften viele Konflikte entschärft werden, dürften Störungen den Raum bekommen, den sie benötigen. Noch fühlen viele Jobcentermitarbeiter sich von den Beiständen der beiden Erwerbsloseninitiativen in Aachen, sowie der Beratungsstellen, eher angegriffen, weil wir schließlich den Hartz-4-Empfänger stärken und das oft Mehrarbeit bedeutet, in einer eh schon überlasteten Arbeits-Situation.

Es ist zu hoffen, dass nach dem tragischen Tod in Neuss, das Jobcenter der Städteregion sich nicht verschanzt, sondern auf alle Beteiligten zugeht, um gemeinsam Lösungen zu finden, die eine Wiederholung zwar nicht verhindern, aber doch sehr viel unwahrscheinlicher machen können. Wir vom Joycenter.net reichen euch die Hand. Denn ihr seid unsere Kollegen! Neuss ist überall!

  1. Oder auch die Jobcenter völlig neu zu strukturieren. Würde das ALG II in gegenwärtiger Höhe als Existenzminimum jeder Sanktionsmöglichkeit entzogen und dann durch einen — dann durchaus sanktionierbaren — Mehrbetrag aufgestockt, wäre die diskriminierende Integrationszumutung zwar immer noch falsch, aber immerhin nicht mehr existenzbedrohend bis -vernichtend []
  2. Nur letzte Satz ist wörltiches Zitat aus: Fritz B. Simon in: Unterschiede die Unterschiede machen. Heidelberg 1993, S. 39 []
  3. und allen anderen „Wisschenschaften”, die mit lebenden Systemen zu tun haben, etwa Psychologie, Medizin, aber auch der Wirtschaftswissenschaft []
  4. Meine Mutter hatte mir damals alle Stellen rausgesucht, in denen irgendwie das Wort „sozial” vorkam. Ich wartete auf einen Studienplatz in Sozialpädagogik und landete also in einem Knast… []